Wehe, wenn sie Euch kriegen: Vom Riesenbärenklau und anderen Monstern

Die Angst geht um im Internet – wie jedes Jahr wieder. Momentan ist es der Riesenbärenklau, in ein paar Wochen, ich sage es voraus, wird es das Jakobskreuzkraut sein. Der moderne Mensch wird von allen Seiten bedroht, scheint es. Und mir geht dieses Gejammer tierisch auf den Senkel. Warum? Das erfahrt ihr in diesem Artikel.

Eigentlich wollte ich heute einen Artikel über Schnecken fertig schreiben. Ist ja auch längst überfällig, die fressen uns ja sonst noch die Haare vom Kopf.

Aber dann sind mir heute im Internet gleich dreimal Aufrufe über den Weg gelaufen, den bösen giftigen Riesenbärenklau endlich flächendeckend zu bekämpfen. Kennt ihr diese Pflanze? Die gibt es schon lange bei uns – und sie macht fiese Brandblasen, wenn man sie berührt.

Das ist einer dieser Aufrufe, die mir über den Weg gelaufen sind, im Original-Wortlaut:

“Bärenklaue- bitte weiter teilen!! Die meisten kennen es nicht wirklich oder lassen es sogar wegen der schönen großen Blüte im Garten stehen!! Hoch Giftig !! Hoch gefährlich !! Überall hier verbreitet.. wächst leider bei uns auf vielen noch freistehenden Grundstücken Meter hoch & keiner entfernt es !!”

Dann ein Bild von dem Bösewicht und dann eines von einem Kinderbein, das über und über mit Brandblasen bedeckt ist.

Alle Jahre wieder!

Das geht mir echt auf den Zeiger. Jedes Jahr wieder dieselbe Leier. Hilfe, das ist gefährlich, das muss weg, sofort … und am besten soll es LEIDEN!!!!

Und jedes Jahr stellen sich mir wieder dieselben Fragen: Warum müssen Pflanzen und Tiere, die wehrhaft sind, sofort ausgerottet werden??? Ist der Mensch so eine Memme, dass er sofort auf alles einprügeln muss, was ihm vermeintlich gefährlich werden könnte?

401px-Bochum-090624-8734-grosser-Baerenklau_wikimedia

Klar, der Riesenbärenklau ist kein angenehmer Kuschelpartner. Aber warum muss man ihn vernichten? Reicht es nicht, ihn einfach zu meiden?
Sind wir mal ehrlich. Er ist weder getarnt, noch hüpft er dem ahnungslosen Spaziergänger aus dem Hinterhalt auf den Arm und schreit: „Hab dich! Verbrannt!“ Mal ganz abgesehen davon, ist der Riesenbärenklau nicht freiwillig hier. Ich hab mal einige Infos zu dieser Pflanze zusammengetragen, denn da ist viel Mist unterwegs im Internet.

Gegen seinen Willen hier eingeschleppt – mit Absicht

Der Riesenbärenklau ist ein sogenannter Neophyt. Das heißt, er ist ein “Zuagroaster”, wie wir hier in Bayern sagen. Eigentlich kommt er aus dem Kaukasus, ist allerdings schon lange hier – über viele Generationen hinweg. Wir haben die Anwesenheit des Riesenbärenklaus dem Fürsten Metternich zu verdanken, der die Samen vom russischen Zaren Alexander geschenkt bekam. Der gute alte Metternich hat den Riesenbärenklau dann in seinen Treibhäusern als Zierpflanze ausgesät – weil er so schöne große weiße Blüten hat. Das war etwa 1815 oder so.
Später, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wurde die Pflanze noch extra in freier Wildbahn ausgesät – weil man sich von ihr wirtschaftlichen Nutzen erwartete. Man hat sie als Bienenpflanze und als Böschungsbewuchs vorgesehen. Soviel dazu … wenn der “wirtschaftliche Nutzen” erwartet wird, ist es dem Menschen sch… egal, ob etwas Brandblasen verursacht.

Die Quaddeln werden durch die photosensiblen Substanzen des Riesenbärenklaus verursacht – die sogenannten Furocumarine. In Verbindung mit Tageslicht entwickeln diese Stoffe schmerzhafte und schlecht heilende Blasen. Prinzipiell gilt im Umgang mit Riesenbärenklau: Je heller der Tag, desto fieser brennt der Riese. Mit anderen Worten: Diese Pflanze ist bei Sonnenschein extrem schlecht gelaunt.

Eine Frage an jene, die sich so fürchterlich vor dem Riesenbärenklau fürchten: Verwendet ihr Selbstbräuner oder Bräunungsbeschleuniger? Wenn ja, herzlichen Glückwunsch! Denn in einigen von diesen Produkten sind genau diese Furocumarine drin, damit die Haut schön knusprig braun wird. Früher wurden diese Substanzen noch viel mehr in der Kosmetik eingesetzt. Als bei den Kundinnen jedoch vermehrt hässliche braune Flecken auf der Haut auftauchten, wurden sie weniger verwendet.

Das Problem des Riesenbärenklaus ist, dass er hier so gut gedeiht. Er hat sich mit seinem Schicksal so gut arrangiert, dass er sich dort, wo er wächst, behauptet und den Menschen nun ein Dorn im Auge ist, weil er „alles andere verdrängt“. Tja, die Geister, die ich rief …

Wer ist schuld? Aber doch nicht der Mensch, oder?

Der Riesenbärenklau ist nicht das einzige Beispiel dafür, dass der Mensch unverantwortlich und kurzfristig handelt. Deshalb macht mich diese Entwicklung so wütend. Man muss noch nicht einmal die großen Sünden anführen, bleiben wir im Kleinen. Das reicht schon.

Der Klee beispielsweise wird vergiftet, weil die Bienen gerne Klee essen und deshalb auf der Wiese sitzen. Huhu, die Bienen könnten ja ein Füßchen stechen, das da barfuß achtlos drauf rumtrampelt.

Was dagegen hilft?

Himmel nochmal … Schuhe anziehen! Und es könnte nicht schaden, sich mal klar zu machen, dass wir Menschen OHNE BIENEN NICHT ÜBERLEBEN KÖNNEN! Was also macht mehr Sinn: Den Klee stehen zu lassen und Schuhe anzuziehen, oder den Klee samt Bienen zu vergiften und letztlich irgendwann selbst zu krepieren?

256px-Maulwurf_gefangen2007.jpg_wikimedia

Maulwürfe werden gejagt, weil sie den englischen Rasen uneben machen, Mäuse werden gekillt, weil sie sich unglücklicherweise schneller bewegen, als die meisten Menschen ertragen, Krähen werden massakriert einfach nur, weil sie laut schreien und “immer mehr werden”.
Die Folge: Der Mensch hat sehr erfolgreich seine sorgfältig getrimmten Gärten gegen Maulwürfe und Co. verteidigt. Dafür nehmen jetzt die Schnecken überhand, die wiederum das sorgsam überzüchtete Industriegemüse verspeisen. Die Biester – das machen die sicher absichtlich!

Und die Schnecken werden dann wiederum mit Schneckenkorn, Backpulver oder Scheren aus dem Weg geschafft. Boah, das ist aber auch ein Stress mit dieser Natur! Armer Mensch … das einzige zivilisierte Wesen auf diesem Planeten.

Aber was hilft denn nun gegen die Schneckenplage?

Ganz einfach… den natürlichen Fressfeinden der Schnecken ein behagliches Zuhause bieten! Zuviel verlangt? Kann ich verstehen, dazu müsste man ja unter anderem unordentliche Haufen oder Holzstapel dulden – und das beleidigt schließlich das Auge.

Wölfe werden gemetzelt, weil dämliche Nutztierhalter ihre Ställe nicht richtig verschließen können und die Menschen Angst vorm bösen Wolf haben. Klar, weil der Wolf an sich den ganzen Tag nichts anderes macht, als sich zu überlegen, wie er das nächste Rotkäppchen verschlingen kann.

Was hilft gegen den Wolf, so er denn nicht schlau genug ist, die Beine in die Hand zu nehmen und aus unserer Gegend wieder schleunigst zu verschwinden?

Auch hier ist die Lösung eigentlich einfach: Vorsichtiger sein und sich daran gewöhnen, dass der Mensch ein Schwächling ist, der sich ohne Bomben oder Pistolen oder Messer gar nicht wehren kann. Und sich dann auch dementsprechend verhalten!

Noch ein Beispiel aus der Flora: Das Jakobskreuzkraut20130702Jakobskreuzkraut_Saarbruecken_wikimedia

Es gibt unterschiedliche Meinungen, ob diese Pflanze ebenfalls ein Neophyt ist oder nicht. Einige behaupten, sie sei aus Asien hierher eingewandert. Das Luder! Wie? Na, durch den Menschen.
Nun … der Mensch hat inzwischen die Wiesen und Weiden überdüngt – und hat dem Jakobskreuzkraut damit wunderbare Wuchsbedingungen ermöglicht. Aber jetzt ertönt der Ruf nach Vernichtung – und zwar immer lauter. Weil das Zeug ja so gut gedeiht – und auch dieses ist ja giftig! Geht auf die Leber – und die Tiere fressen das. Nicht, wenn es frisch ist auf der Wiese. Da erkennen sie es. Nein, sie fressen es mit, wenn es Heu ist oder zu Pellets verarbeitet ist oder so. Und das Gift des Jakobskreuzkrautes ist auch im getrockneten Zustand noch wirksam. Böses Kraut, also wirklich.

Im Übrigen wird dieses Kraut auch als Heilkraut eingesetzt – hauptsächlich bei Gelenkschmerzen, aber es gibt noch eine ganze Menge anderer Einsatzgebiete. Während die einen schreien, die Inhaltsstoffe seien krebserregend, munkeln die anderen: wirksam gegen Krebs. Wie auch immer – das Jakobskreuzkraut muss weg! Weil es uns und unsere Tiere gefährdet! Jawoll!

Wer nachlesen will, was das Jakobskreuzkraut alles für uns Menschen tut, kann sich hier informieren: http://www.heilkraeuter.de/lexikon/jakobs-greiskraut.htm

 

Und die Moral von der Geschicht …

Der Mensch schreit empört auf, wenn irgendein Wesen – außer ihm natürlich – wehrhaft ist und ihm ans Leder könnte. Nichts anderes sind die „giftigen“ Substanzen der Pflanzen, die Klauen der Tiere und all die anderen martialischen Werkzeuge, die sich die Natur ausgedacht hat, um den Menschen zu bedrohen.

Die Betonung liegt dabei auf “könnte”. Denn die meisten Wesen dieser Welt suchen inzwischen eh schnell das Weite, wenn ein Mensch in ihre Nähe kommt.

Aber es ist immer und immer wieder dasselbe. Der Mensch breitet sich aus auf dieser Erde, schaltet und waltet nach Gutdünken und ohne Rücksicht, er verdrängt alle anderen Arten aus ihrem Zuhause und trampelt in ihren Wohnzimmern rum. Und wenn er mit den Früchten seines Handelns konfrontiert wird, dann schreit er laut auf und haut auf alles ein, was ihm gerade unter die Finger kommt. Es könnte ja seine Sicherheit und seine Bequemlichkeit gefährden – oder seinen Profit.

Und was hat das alles mit Konsum zu tun?

Sehr viel. Wir konsumieren unsere Erde und unsere Mitgeschöpfe ohne Rücksicht auf Verluste. Es gibt heutzutage nur mehr zwei Götter: Profit und Bequemlichkeit.

Das Wort “consumare” kommt aus dem Lateinischen und bedeutet “verwenden” oder “verbrauchen” oder “benutzen”. Und genau da liegt auch der Sinn dieses Postings.

Wir alle – und da nehm ich mich selbst nicht aus – dürfen uns dringend überlegen, wie wir mit diesem Planeten samt allen seinen Kindern umgehen. Wir verwenden sie, wir verbrauchen sie, missbrauchen sie … und alles, was uns nicht in den Kram passt, das rupfen wir raus, zerstören es, zerstückeln, verbrennen, vergiften oder was weiß ich nicht noch alles. Und es geht nicht um die großen Sünden, es beginnt im Kleinen!

Und jeder von uns hat da so seine eigenen Themen. Der eine hat den Brass auf die Mücken, der andere auf die Wespen, der nächste empfindet den Riesenbärenklau als nationale Bedrohung, wieder ein anderer führt einen ungleichen Kampf gegen Mäuse oder Unkraut oder sonst etwas.

Wir dürfen aufhören damit. Hören wir bitte damit auf, die Natur zu bekriegen. Wir dürfen umdenken und uns endlich einreihen in die Natur.

Wenn ein Riesenbärenklau am Wegrand steht … hey, warum kann ich meinem Kind nicht erklären, dass der brennt? Warum muss ich ihn rausrupfen? Reicht es nicht, sich fernzuhalten?

Wenn ein Wolf im angrenzenden Wald lebt, dann hübbel ich halt nicht mehr mit meinem Golden Retriever des nächtens auf dunklen Lichtungen umeinander – und ich mach die Stalltüren zu, wenn ich denn welche habe.

Prinzipiell hätten wir alle genug Platz auf dieser wunderschönen Erde. Nur muss der Mensch jetzt mal endlich ein gehöriges Stück zur Seite rücken und auch den anderen Wesen ihren Lebensraum lassen.

Anders geht es nicht.

Sorry, das musste jetzt mal raus … auch wenn es wahrscheinlich nicht besonders viel hilft.

In diesem Sinne … achtet auf Euch – und auf unsere Erde, bitte.

 

Fotos:
Riesenbärenklau: By Mbdortmund (Eigenes Werk), via Wikimedia Commons
Jakobskreuzkraut: von AnRo0002 (Eigenes Werk) [CC0], via Wikimedia Commons
Maulwurf: M.Dufek aus der deutschsprachigen Wikipedia [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) oder CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)], via Wikimedia Commons