In Zeiten, wie diesen … warum das Unwichtige grad so wichtig ist

Es gibt Zeiten, in denen frage ich mich, warum ich all dies eigentlich mache. Dazu gehören zum Beispiel jene Tage, an denen mir gleich nach dem Start des Computers die Horrormeldungen um die Ohren fliegen. Gift hier und Gift da, heftigste Diskussionen, wie man die gemeinen Schnecken im Garten am besten um die Ecke bringen kann, Po-irgendwas-GO. 

DSCN0785Von den ganzen schrecklichen Meldungen über Leid und Tod ganz zu schweigen.

 Wenn ich mich dann hinsetze und einen Text über einen Joghurt ohne Milch schreibe, frage ich mich, ob ich noch ganz sauber bin. Die Welt zerbröselt und ich schreib über Joghurt? Super!

Wär es nicht wichtiger, Artikel über all die Gifte zu schreiben? Die Leute aufwecken! Sie warnen! Laut schreien und aufrütteln???

 Was für einen Sinn hat all das?

An solchen Tagen hab ich die Schnauze  so gestrichen voll von der Welt, dass ich jedem eine Bratpfanne über den Kopf donnern könnte – selbstverständlich gusseisern und ohne giftige Beschichtung, eh klar. Gleich danach sitz ich schmollend in der Ecke und könnt nur noch heulen.

Was für einen Sinn hat das alles? Geht doch eh alles kaputt. Wir können uns doch gar nimmer schützen vor dem Mist. Ist eh alles umsonst, schnief.

Zum Glück hält das nie lang an. Denn es fällt mir schnell wieder ein, WARUM ich das alles hier mache.

Und gleich danach weiß ich auch wieder, warum ich das genau SO mache, und nicht anders.

Also, dass ich vor allem über die Alternativen schreib und die Lösungen, nicht über die fiesen Dinge, die wir so als Produkte untergeschoben bekommen. Ich weiß dann auch, warum ich nicht aktiv bei ner Organisation bin und den Politikern in den Popo krieche, damit sie uns wenigstens ein bisschen weniger Gift aufs Feld kippen.

Es dauert nicht lange, dann weiß ich all das wieder. Und dann setz ich mich hin und schreib weiter über Joghurt, Cashew-Feta oder Ölbutter – raufe mir die Haare, weil ich soooo langsam bin mit meinem Buch, hadere noch ein bisschen vor mich hin und mach dann einfach das nächste Kapitel fertig. Schritt für Schritt …

 Naiv? Bequem? Schlafschaf? Vielleicht …

Vielleicht ist das alles ganz schön bequem und ich sollte Texte über all das Übel auf der Welt schreiben. Schreien!, ermahnen! und so weiter.

Ja, vielleicht ist es zudem vollkommen naiv zu meinen, Artikel über Alternativen zu unserem Konsumwahn würden auch nur einen Pups verändern. Wo wir doch alle so viel größere Probleme haben, als die Frage, wie man eine Brühe ohne künstliches Glutamat herstellt.

Vielleicht sollte ich eher darüber schreiben, was Glutamat für ein böses, böses Zeug ist und wie gemein die Lebensmittelindustrie ist.

Oder vielleicht sollte ich den Blog gleich ganz zu machen und stattdessen über die Flüchtlinge oder die Wahl des amerikanischen Präsidenten schreiben (Is da eigentlich ein Kandidat dabei, der weiß, dass man mit Efeu waschen kann? Nur so ne Frage… wär ja vielleicht ein Argument, ihn zu unterstützen).

 Aber was würde das bringen? Nix! Und warum?

Erstens … machen das alle anderen eh schon. Das Netz ist voll von Horrormeldungen. Jetzt haben sie zum Beispiel gerade Obst als Gesamtes auf den Kieker (ungesund, wusstest du das schon?). Die Argumentationsketten sind wirklich überzeugend, das muss ich sagen.
Es gibt außerdem Unmengen von Leuten, die über Attentate, Bomben und Krieg schreiben – hautnah, minutiös und sehr anschaulich. Wir sind im Moment nicht mehr im Zeitalter der Aufklärung. Wir sind im Zeitalter der Panikmache. Nö, ist nicht mein Ding.

Zweiter Grund, warum das nix bringt: Worte, die das Schlimme bildhaft beschreiben, erzeugen Bilder in den Köpfen der Menschen. Schlimme Bilder in den Köpfen, verursachen schlimme Gedanken und Gefühle, schlimme Gedanken und Gefühle führen zu schlimmen Taten. Nicht unbedingt das, was ich erreichen will.

Dritter Grund, warum das absolut gar nix bringt: Wir haben doch alle keine Ahnung, was da im Moment WIRKLICH um uns herum abgeht. Also warum sollte ausgerechnet ICH Ahnung haben davon? Eben. Und wenn ich keine Ahnung von etwas hab, warum sollte ich darüber schreiben? Da quält mich doch schon allein die Recherche.
Ich hab keinen blassen Schimmer, wie die Zusammenhänge zwischen Lobby, den Konzernen und unseren Politikern funktionieren. Ich weiß nicht, ob die Amis oder die Russen oder wer auch immer die Guten oder die Bösen sind.

Ich rieche, dass da was stinkt – ok. Aber das tun wir alle, da braucht es nicht noch mehr Artikel dazu. Können wir was daran ändern? Im Großen? Nö! Siehste …

 Aber (jetzt kommt das große ABER, grins)

loewenzahnpixaCC0Im Kleinen können wir etwas ändern. Deshalb schreibe ich Bücher und Artikel über kleine Dinge. Ich schreibe über den umgefallenen Sack Reis, der zwar niemanden kümmert, aus dem man aber nen guten Kaffeeweißer machen kann – vorausgesetzt man hebt ihn auf und lässt ihn nicht im Dreck liegen.

Sicherlich merkt das in Syrien niemand und auch nicht im Pentagon. Und das ist wahrscheinlich auch ganz gut so. Vermutlich helfen diese Tipps und kleinen Hinweise auch nicht dabei, uns letztendlich vor den ganzen Giften in und um uns zu schützen. Aber versuchen muss man es doch, oder?

Ich weiß aus Erfahrung, dass die Menschen der Panik eher erliegen, wenn sie sich ohnmächtig fühlen. Ohnmächtig fühlt man sich dann, wenn man gar nichts machen kann – so als kleiner Statist in diesem perfiden Spiel.

Wir können aber was machen. Wir können hinterfragen, viele kleine Dinge anders machen, wir können im Kleinen Entscheidungen treffen. Und wir können uns in vielen Bereichen unabhängig machen von dieser Konsum-Profit-Horror-Show.

Also, raus aus der Schmoll-Ecke!

Ob ich damit richtig liege oder mir das alles nur schön rede, wird sich eh erst viel später herausstellen. Bis dahin schreibe ich weiter – viele kleine Artikel über unwichtige Dinge, die nicht die Welt verändern wollen, sondern nur jeweils einen winzigen Teil unseres Alltags und unseres Denkens.

Immer, wenn meine Gedanken an diesem Punkt ankommen, ist die Krise überwunden. Dann schnäuz ich mir die Nase, rubbel die Augen klar und setz mich an den Computer.

Ich nehm mir dann immer vor, einen der vielen hundert Notizzettel vom Stapel „Ideen für den Blog“ abzuarbeiten. Ihr wisst schon – so richtig organisiert und diszipliniert. Die Motivation hat gesiegt. 🙂

Heute war übrigens auch so ein Tag (welche Überraschung, grins)

… äh, was für nen Mist mach ich hier eigentlich, Schnauze voll, Bratpfanne suchen, heulendes Elend, Gedanken wieder in die Mitte zerren, Krone richten – und schreiben! Nö … leider nicht vom Notizstapel. Sondern vollkommen undiszipliniert von der Seele weg.

Was wollte ich Dir eigentlich damit sagen?

Bitte hör nicht auf, jeden Tag kleine Dinge anders zu machen – auch wenn Du denkst, es bringt eh nichts mehr. Ich glaub, im Moment ist es wichtig, dass wir uns immer wieder selbst auf unseren kleinsten gemeinsamen Nenner reduzieren. In der spirituellen Szene nennen sie das „in die Mitte kommen“.

Ich nenn das schlichtweg – geh weg vom großen Geschehen, das Du eh nicht ändern kannst. Mach deinen Fokus kleiner… und kleiner… und kleiner… bis er einen Bereich in deinem Leben ausleuchtet, den Du überblicken kannst und wo DU etwas ändern kannst – jetzt, sofort, immer wieder.

Ob das bei Dir der bewusste Konsum ist oder ein Lächeln für Deine Kollegen, weiß ich nicht. Hauptsache klein und „unwichtig“.

Bei mir ist es oft nur, dass ich Kekse backe, die OHNE Qualprodukte sind, dafür mit dem Trester meiner Pflanzenmilch. Oder ich besinne mich darauf, dass ich ein wunderbares Kind habe, das jetzt gerade liebend gerne mit mir spielen würde. Oder ich schreibe …

Es ist mir egal, ob die Leute über mich lächeln, mich als Freak bezeichnen oder als verrückte Alternativ-Tusse. Ich tu das, weil es mir hilft, all diesen Mist hier auf der Welt überhaupt zu ertragen. Und genau dies möchte ich Dir gerne sagen.

Gib bitte nicht auf, das zu tun, von dem Du überzeugt bist, dass es gut ist.

Lass Dich nicht entmutigen oder aufhetzen (kommt auf dasselbe raus) – das lenkt dich nur von Deinem ureigensten nächsten Schritt ab. Auch, wenn er noch so klein oder unwichtig erscheint – vollkommen wurscht. Hauptsache es ist ein Schritt …

 Konzentrier Dich auf Lösungen.

Die Probleme zu wälzen, zu beschreiben, zu zerpflücken, bringt – wenn überhaupt – nur dann was, wenn dadurch die Lösung verständlicher wird. Ansonsten kannst Du es Dir sparen. Schau stattdessen lieber, welches Reiskorn Du neu platzieren kannst, damit die Zukunft leichter wird – für uns alle, für die Erde, für unsere Kinder.

Ach ja, und das mit der Bratpfanne ist nicht die richtige Art, seiner schlechten Laune Ausdruck zu verleihen, auch wenn die Pfanne unbeschichtet ist. Das sollte ich vielleicht noch mal extra betonen. 😉

Sodele, habe fertig. Wenn Du bis hierher gelesen hast, sei Dir mein Dank gewiss. Das weiß ich zu schätzen. Ich geh jetzt backen … Kekse … mit Trester … für die Klassenfeier. Was ganz Kleines. 😉

Achte auf Dich, bitte.

Eure Gabriele

 P.S. Danke Anna Maria Winklehner für das Wolkenbild. Und danke beeki von  Pixabay und CC0 für den Löwenzahn.

4 Kommentare

  1. Liebe Gabriele,
    ich muss jetzt einfach noch Mal meine Lieblingssätze aus Deinem Artikel wiederholen: „Ich schreibe über den umgefallenen Sack Reis, der zwar niemanden kümmert, aus dem man aber nen guten Kaffeeweißer machen kann – vorausgesetzt man hebt ihn auf und lässt ihn nicht im Dreck liegen.“ und „Ich weiß aus Erfahrung, dass die Menschen der Panik eher erliegen, wenn sie sich ohnmächtig fühlen. Und ohnmächtig fühlt man sich dann, wenn man gar nichts machen kann – so als kleiner Statist in diesem perfiden Spiel. Wir können aber was machen. wir können hinterfragen, viele kleine Dinge anders machen, wir können im Kleinen Entscheidungen treffen.“ und ganz besonders: „Mach deinen Fokus kleiner… und kleiner… und kleiner… bis er einen Bereich in deinem Leben ausleuchtet, den Du überblicken kannst und wo DU etwas ändern kannst – jetzt, sofort, immer wieder.“ Dank Dir!!!!!!!
    (Der letzte Satz ist nebst Artikel auf meiner Facebook-Seite und an meiner nichtvirtuellen Pinnwand gelandet 🙂

  2. Jetzt geht es dir besser, gelle? Mir auch. Hab den ganzen Nachmittag mit meinem syrischen Geflohen im Garten gearbeitet. Am Schluss sagt er, als ich mich bei ihm bedanke: „Das ist nix, ich mach das gern!“

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